Was treibt einen Menschen dazu an, an einem einzigen Tag 30, 40, 50 oder gar 100 Kilometer zu gehen und das aus völlig freien Stücken? So richtig wusste ich es nicht. „Extremwandern“ – „An seine Grenzen gehen“ – „Wenn es weh tut, geh’ noch einen Schritt weiter, dann noch einen, dann noch einen und Du bist im Ziel“.
Ich durfte Julian beim Mammutmarsch in Leipzig begleiten. Obwohl er wohl eher mich begleitet hat.
Das Ziel: 42 Kilometer durch Leipzig laufen.
In welcher Zeit: Egal, Hauptsache ankommen.
Der Begleiter: Wie gesagt Julian.
Der Typ, der 40 Kilometer schon vor dem Frühstück läuft, um am Nachmittag mit dem Fahrrad dann nochmal 100 Kilometer zu fahren.
Der eigene Antrieb: Wo liegt die Grenze eines Typen, der am Schreibtisch arbeitet, gutes Essen zu schätzen weiß und der Sitzplatz auf der Couch sich bereits optimal an den Körper angepasst hat.
Die Vorbereitung
Das Thema Vorbereitung können wir eigentlich relativ klein halten. Vor 3-4 Wochen bin ich mit Julian 20 Kilometer gegangen und habe dabei festgestellt, dass mein Schuhwerk nicht optimal ist. Entgegen des Tipps, einen Fachmann die Größe der Schuhe bestimmen zu lassen, habe ich mich für den Weg über Amazon entschieden und ein Paar Jack Wolfskins geordert. Größe Pi mal Daumen abgeschätzt und diese in den letzten Wochen „eingelaufen“.
Mein Tipp an alle: Lasst einen Fachmann die Größe der Schuhe bestimmen bzw. lasst euch für einen solchen Marsch bei den Schuhen beraten. Eure Füße werden es euch danken.
Die An(ab)reise

Die Anreise nach Leipzig erfolgte natürlich via Naturstrom und somit ohne direkte Emissionen. Das Verkehrsmittel der Wahl war der schöne Megane E-Tech. Ich habe die Chance genutzt und einem Dienstwagen fahrenden Weltenbummler (Julian fährt jede Woche geschäftlich quer durch Europa) das E-Auto ans Herz getackert.
Es ist nicht so, dass Julian je einen Ton gegen E-Autos gesagt hätte. Er ist sogar Befürworter. Doch seinen Segen, dass auch geschäftliche Langstrecken mit dem E-Auto möglich sind, wollte ich haben.
Also durfte er die komplette Rückreise auf dem Fahrersitz Platz nehmen. Nicht zuletzt, weil meine Füße nicht mehr so wollten wie ich. Dazu aber gleich mehr.
Ich lullte ihn ein mit Sitzheizung, sagte ihm: „Die Lenkradheizung kann man auch über Sprachfunktion aktivieren“ und zeigte ihm, wie man das Auto selbst lenkend im adaptiven Tempomaten über die Autobahn flitzen lässt.
Die serienmäßige Navigation über Google tat ihr übriges. „Um so zu navigieren, muss ich in meinem Auto das Smartphone spiegeln“. Nicht im Megane E-Tech, lieber Julian.
Auch die Verwendung der Ladesäulen funktionierte problemlos. Julians Urteil: Geniales Auto.
Halb Marsch, halb Arsch

Das Wort „Mammutarsch“ ist eine Kreation die keine 20 Kilometer auf sich warten ließ. Früh morgens um 7 Uhr warteten wir vor der Startlinie mit ein paar 100 anderen Mammuts und wollten, dass die Herde sich in Bewegung setzt. Die wichtigste Info kam auch direkt zu Beginn: Der Mammutmarsch ist kein Wettbewerb untereinander, sondern ein gemeinschaftliches Event. Die Herde hilft sich gegenseitig und das Ziel ist schlicht und einfach, dass alle in‘s Ziel kommen.
Um Punkt 7 Uhr setzten wir uns dann mit vielen anderen in Bewegung. Die Route führte an Leipziger Highlights vorbei und damit sowohl über Asphalt, Schlamm, Waldwege als auch ein paare wenigen Treppen entlang.
Mit guter Laune legten wir schnell die ersten fünf Kilometer zurück. Voller Elan und mit dem Gefühl es locker zu schaffen, ging es an der Weißen Elster entlang.
Doch schnell zeigte sich, dass mein rechter Fuß nur bedingt Lust auf die Veranstaltung hatte. Das erste Blasenpflaster wartete keine 10 Kilometer auf seinen Einsatz und die Schmerzen erreichten auch die Ferse desselben relativ schnell.
Immer wieder betonte ich, wie zufrieden ich mit dem linken Fuß sei. Aber auch dieser war relativ bockig ab Kilometer 20.
„Ab jetzt tut jeder Schritt weh, nicht nur jeder zweite“ entgegnete ich Julian.
Doch in der „Herde“ ist die grundsätzliche Motivation recht hoch und man erkämpft Schritt für Schritt und Meter für Meter, die Distanz hinter sich zu bringen.
Rund alle 10 Kilometer wartet dann ein sogenannter „VP“ auf die Extremwanderer. (VP = Versorgungspunkt)
Die VPs bieten alles was es braucht, um wieder Energie zu tanken. Von Waffeln bis sauren Gurken über Kaffee bis CocaCola bleibt kaum ein Wunsch offen. Ebenfalls kann man medizinische Versorgung in Anspruch nehmen. An VP2, nach guten 20 Kilometern wollte ich dies auch tun. Nette Sanitäter warteten auf ihren Einsatz. Meine Vorstellungen waren: Eisspray, diverse Salben und dicke Verbände, die allesamt meine Scherzen verschwinden lassen sollten. Die Realität: Ein neues Pflaster nach gründlicher Desinfektion meiner lädierten Fersen.
Langsam wurde der Marsch für mich zum Arsch. Jeder Schritt tat weh und die Gespräche zwischen Julian und mir dünnten daher aus.
Der Höhepunkt des Hohns passierte direkt am Völkerschlachtdenkmal. Julian suchte einen Mülleimer ein paar Meter abseits der direkten Route. Abwinkend ging ich schweren Schrittes auf der direkten Route weiter, im Wissen, dass Julian mich locker wieder einholen würde. Als er dann nach bereits geschafften über 35 Kilometern zum Sprint ansetzte, um mich möglichst schnell wieder einzuholen, war ich nur noch fassungslos.
Zieleinlauf

Nach über 42 Kilometern sollte der Mammutmarsch dort enden, wo wir rund 10 Stunden zuvor gestartet sind. Empfangen wurde man im Ziel von einer jubelnden Meute, die einen die letzten Meter förmlich trägt. Mit Applaus, dem Zuruf „Du schaffst das!“ und nicht mehr ganz so viel Schwung, ging es über die erlösende Ziellinie.
Belohnt wurden wir dann mit einer Medaille, einer Urkunde und einem kühlen Bier, das man sich zugegebenermaßen nach einer solchen Strecke mehr als verdient hat.
Nach 42 Kilometern Mammutmarsch war es eines der besseren Biere in meinem Leben, welches besonders gut geschmeckt hat.
Motivation ist Trumpf
Es hat sich deutlich gezeigt, dass nicht die Kondition oder die Sportlichkeit über Sieg und Niederlage entscheiden, sondern die Motivation.
Hier hatte ich das Glück, Julian an meiner Seite zu haben, der sich nie zu schade dafür war, mich weiter zu motivieren.
Auch wenn man in einer großen Herde zusammen das Ziel hatte, den Tag positiv zu gestalten, gab es auch genug alleine kämpfende Mammuts, die keinen Julian hatten, der sie gepusht hat. Daher möchte ich deutlich jedem Respekt zollen, der trainiert oder untrainiert solche Distanzen ganz alleine läuft.
Julian selbst ist schon mehrere Mammutmärsche alleine gelaufen (Der gemeinsame war sein bisher kürzester) und hat diese durchgezogen. Wenn ihr mal sehen wollt, was Julian zu Fuß und auf dem Fahrrad so treibt, guckt mal bei „Cycle and Hike“ auf Instagram vorbei.
Ich bin dankbar für diese super Veranstaltung und freue mich, im April beim nächsten Mammutmarsch das Ruhrgebiet unsicher zu machen. Wieder 42 Kilometer, dann aber bitte ohne offene Fersen.


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